Infrastruktur
Glasfaser fĂŒr Spiekeroog: Wie aus zehn Jahren Zögern ein 9,55-Millionen-Projekt wurde
Spiekeroog ist die einzige ostfriesische Insel ohne Glasfaser ans Festland. Ein Unterseekabel soll das Ă€ndern â finanziert zu rund 82 Prozent von Bund und Land. Die Gemeinde zahlt 850.000 Euro. Die Geschichte einer Entscheidung, die zweimal fast gescheitert wĂ€re.
Redaktion Spiekeroog-Radar · 31. Mai 2026
Wenn die Kasse hÀngt
Es sind die kleinen Momente, in denen sich fehlende Bandbreite bemerkbar macht. Die Kartenzahlung an der Kasse, die einen Tick zu lange braucht, wĂ€hrend die Schlange wĂ€chst. Das Buchungssystem im GĂ€stehaus, das hakt, sobald nebenan jemand Fotos hochlĂ€dt. Selbst in der Gemeindeverwaltung kennt man das PhĂ€nomen: Scannt und lĂ€dt eine Stelle ein gröĂeres Dokument hoch, ruckelt es bei allen anderen im Haus.
Was frĂŒher ein Ărgernis war, ist heute ein Standortfaktor. Immer mehr LĂ€den arbeiten mit Cloud-Kassen, die ohne stabile Verbindung schlicht stehenbleiben. Betriebe wickeln Buchhaltung, Warenwirtschaft und Buchungen online ab. Und die GĂ€ste â auf einer Insel, die vom Tourismus lebt â bringen die Erwartungen vom Festland mit: Streaming am Abend statt linearem Fernsehen, Homeoffice auch im Urlaub, der Videocall mit der Familie. Wo das nicht zuverlĂ€ssig lĂ€uft, spricht sich das herum.
Eine Insel am seidenen Funk-Faden
Der Grund steckt in der Leitung â oder genauer: zum Teil in der Luft. Wer auf Spiekeroog ins Internet geht, hĂ€ngt an einer Technik aus einer anderen Zeit: einem veralteten Koaxialkabel und störanfĂ€lligem Richtfunk. Im schlechtesten Fall, so rechnet es die Gemeindeverwaltung vor, könnten kĂŒnftig rund 60 Prozent der HausanschlĂŒsse keine 30 Mbit/s mehr bekommen (Vorlage 01/012/2025). Spiekeroog ist die einzige ostfriesische Insel ohne Glasfaseranbindung ans Festland.
FĂŒr BĂŒrgermeister Patrick Kösters war das ĂŒber Jahre ein wunder Punkt, den er in seinen Sitzungszusammenfassungen immer wieder ansprach:
âIn der Tat ist Spiekeroog die einzige ostfriesische Insel, welche nicht ĂŒber eine Festlandsanbindung mit Glasfaser verfĂŒgt. Das ist eine negative Alleinstellung, die nicht akzeptabel ist." (April 2023)
Die LĂŒcke trifft nicht nur das Internet. Auch beim Mobilfunk hĂ€ngt die Insel hinterher â eine zeitgemĂ€Ăe 5G-Versorgung sei, so Kösters, âtechnisch gar nicht möglich" (Oktober 2023). Und einmal formulierte er es ganz grundsĂ€tzlich: Spiekeroog sei eine Insel und wolle auch eine bleiben â âund zwar bitte eine mit Glasfaser-Anbindung zum Festland" (Juli 2023).
Glasfaser wĂŒrde das umdrehen: stabile, skalierbare Verbindungen bis zu 10 Gbit/s â genug fĂŒr alle Kassen, Kameras und Streams gleichzeitig. Das Problem war nie die Technik. Es war der Weg dorthin.
Erst dagegen â dann doch
Die Idee ist nicht neu. Schon 2016 trat die Gemeinde einer Kooperationsvereinbarung zum NGA-Breitbandausbau im Landkreis Wittmund bei (Vorlage 01/081/2016). Doch 2018/19 entschied sich die Insel zunÀchst gegen einen eigenen Ausbau. Erst ab 2020 wurde das Vorhaben wieder aufgegriffen, 2023 mit Konzeptvorstellung und dem Beschluss, Fördermittel zu beantragen (Vorlagen 01/023/2023 und 01/051/2023).
Der RĂŒckschlag aus Hannover
Dann kam der Sommer 2023. Die niedersĂ€chsische Landesregierung stoppte ĂŒberraschend ihre Co-Finanzierung â und ohne Landesgeld stand das ganze Modell still. Der Zeitpunkt hĂ€tte kaum ungĂŒnstiger sein können: Die Insel stand kurz vor der Antragstellung. Kösters machte aus seinem Ărger keinen Hehl:
âSehr ĂŒberraschend kam die Meldung, dass das Land Niedersachsen aus der Breitbandförderung aussteigt. So waren meine ersten Urlaubstage von Presse- und KrisengesprĂ€chen geprĂ€gt." (September 2023)
Wenige Wochen spĂ€ter, als das Land die Förderung doch wieder aufnahm, wurde er noch deutlicher â er fĂŒhle sich âsalopp gesagt, etwas verschaukelt" (November 2023). Das Projekt ruhte. Erst als die Förderrichtlinie wieder in Kraft gesetzt und vom Bund verlĂ€ngert wurde, war der Weg frei fĂŒr einen neuen Anlauf.
Die Rechnung, die aufgeht
Im MĂ€rz 2025 fiel der Grundsatzbeschluss â beraten im Verwaltungsausschuss am 11. MĂ€rz, entschieden im Rat am 20. MĂ€rz 2025 (Vorlage 01/012/2025). Die Zahlen dahinter erklĂ€ren, warum die Insel ĂŒberhaupt mitziehen kann:
- Gesamtkosten: rund 9,55 Millionen Euro.
- Bund und Land ĂŒbernehmen zusammen rund 82 Prozent: der Bund 50 Prozent, das Land 25 Prozent â plus 15 Prozent Zusatzförderung speziell fĂŒr die Festlandsanbindung per Unterseekabel.
- FĂŒr die Festlandsanbindung ergibt das eine Förderquote von 90 Prozent, fĂŒr den Ausbau auf der Insel selbst 75 Prozent.
- Ăbrig bleibt fĂŒr die Gemeinde ein Eigenanteil von 850.000 Euro â einzuplanen im Haushaltsjahr 2028.
850.000 Euro sind fĂŒr eine Gemeinde dieser GröĂe viel Geld. Aber es ist der Inselanteil an einem Projekt, das ohne die Förderkulisse niemals zustande kĂ€me.
Bauen will es trotzdem keiner â freiwillig
Warum braucht es ĂŒberhaupt so viel öffentliches Geld? Weil sich der Ausbau fĂŒr kein Unternehmen rechnet. Im Branchendialog wurden fĂŒnf Telekommunikationsfirmen befragt â keine meldete eigenwirtschaftliches Interesse an. Eine Insel mit wenigen tausend AnschlĂŒssen und einem teuren Seekabel ist ohne Zuschuss schlicht nicht rentabel.
Deshalb lĂ€uft das Projekt ĂŒber das sogenannte WirtschaftlichkeitslĂŒckenmodell: Die öffentliche Hand zahlt genau die LĂŒcke, die ein privater Anbieter sonst nicht decken wĂŒrde. Gemeinsam mit dem Landkreis Wittmund bereitet die Gemeinde seit Ende 2025 ein europaweites Vergabeverfahren vor, begleitet von einer auf Vergaberecht spezialisierten Kanzlei (Vorlagen 01/099/2025 und 01/122/2026). Das Verfahren ist zweistufig: erst ein Teilnahmewettbewerb, dann die Angebotsphase.
Was jetzt passiert
Im MĂ€rz 2026 kam dann die Nachricht, auf die alle gewartet hatten: der Förderbescheid â drei Millionen Euro vom Land, 4,75 Millionen vom Bund. Damit stand die Finanzierung. Kösters ordnete es so ein:
âFĂŒr eine Insel wie Spiekeroog ist das wahrlich kein Luxus. Das ist die Grundlage dafĂŒr, dass Menschen hier arbeiten können, dass Betriebe funktionieren." (MĂ€rz 2026)
Fast zeitgleich gab es eine spĂ€te Wendung: Mit einem neuen Stromkabel der IWE soll gewissermaĂen âfrei Haus" ein weiteres Glasfaserkabel verlegt werden â nach all den Jahren, in denen die Insel ihre eigene Anbindung mĂŒhsam erkĂ€mpft hatte. âDas hat bei mir erst einmal fĂŒr Stirnrunzeln gesorgt", rĂ€umte Kösters ein (MĂ€rz 2026); die Gemeinde prĂŒft den unverhofften Fund nun gemeinsam mit dem Landkreis.
Der Fahrplan steht:
- Sommer 2026: Auswahl des Telekommunikationsanbieters.
- Bis 2. Quartal 2028: Fertigstellung â Unterseekabel ans Festland plus Glasfaser bis in die einzelnen HausanschlĂŒsse.
Bis dahin Àndert sich an der bestehenden Versorgung nichts. Aber zum ersten Mal seit fast zehn Jahren ist der Weg von Spiekeroog ins schnelle Netz nicht mehr nur eine AbsichtserklÀrung, sondern ein beschlossenes, finanziertes und ausgeschriebenes Projekt.
Die wörtlichen Zitate stammen aus den öffentlichen Video-Zusammenfassungen, die BĂŒrgermeister Patrick Kösters nach den Ratssitzungen veröffentlicht; das Datum in Klammern nennt die jeweilige Sitzung.
Die Stationen
Jede Aussage in dieser Story steht auf einer konkreten Vorlage aus dem Ratsinformationssystem. Hier kannst du sie im Original nachlesen.
2016: Beitritt zur Breitband-Kooperation des Landkreises Wittmund â die erste Weichenstellung.
Beratung und Beschluss zur Unterzeichnung einer Kooperationsvereinbarung ĂŒber die Konzeption, DurchfĂŒhrung und Finanzierung des NGA-Breitbandausbaus im Landkreis Wittmund 01/081/2016SitzungsvorlageDer Rat soll eine Kooperationsvereinbarung zum Ausbau des Breitbandnetzes (NGA) im Landkreis Wittmund unterzeichnen. Die Vereinbarung regelt Konzeption, DurchfĂŒhrung und Finanzierung des Glasfaser- bzw. Hochgeschwindigkeitsnetzausbaus gemeinsam mit dem Landkreis. Ein Beschluss ĂŒber die Unterzeichnung wird beantragt.
2023: Konzeptvorstellung nach dem Neustart des Vorhabens.
Glasfaserausbau auf der Insel Spiekeroog | 2 | Konzeptvorstellung 01/023/2023SitzungsvorlageDie Vorlage befasst sich mit dem Glasfaserausbau auf der Insel Spiekeroog und stellt ein entsprechendes Konzept vor. Es handelt sich offenbar um die zweite Befassung des Gremiums mit diesem Thema. Weitere Details zum Konzeptinhalt liegen mangels PDF nicht vor.
2023: Beschluss, die FörderantrÀge zu stellen.
Glasfaserausbau auf der Insel Spiekeroog | 3 | Entscheidung Förderantragsstellung 01/051/2023SitzungsvorlageDie Vorlage befasst sich mit dem Glasfaserausbau auf Spiekeroog und betrifft offenbar die Entscheidung, ob und wie ein Förderantrag gestellt werden soll. Es handelt sich um den dritten Beratungsschritt in diesem Verfahren. Ein konkreter Beschlussvorschlag zur Förderantragsstellung liegt vor, dessen genauer Inhalt mangels PDF nicht bekannt ist.
MĂ€rz 2025: Der Grundsatzbeschluss â 9,55 Mio. Euro Gesamtkosten, 850.000 Euro Eigenanteil.
Wichtig fĂŒr die InselGroĂer Posten: 850.000 âŹGlasfaserausbau auf der Insel Spiekeroog | 5 | Entscheidung 01/012/2025SitzungsvorlageDie Verwaltung legt dem Rat eine Beschlussvorlage vor, mit der der Glasfaserausbau auf Spiekeroog â einschlieĂlich einer Unterseekabelanbindung ans Festland â förmlich angestoĂen werden soll. Geplant sind Gesamtkosten von rund 9,55 Millionen Euro, von denen die Gemeinde einen Eigenanteil von 850.000 Euro trĂ€gt; Bund und Land ĂŒbernehmen zusammen rund 82 % der Kosten. Der Beschlussvorschlag beauftragt die Verwaltung, das Förderverfahren einzuleiten und bis zum Abschluss eines Kooperationsvertrags mit einem Telekommunikationsunternehmen voranzutreiben.
Dezember 2025: Vorbereitung des europaweiten Vergabeverfahrens.
Wichtig fĂŒr die InselBreitbandausbau | Vergabe 01/099/2025SitzungsvorlageDie Gemeinde Spiekeroog bereitet gemeinsam mit dem Landkreis Wittmund ein europaweites Vergabeverfahren fĂŒr den Glasfaserausbau auf der Insel vor. Das Projekt umfasst eine Festlandsanbindung per Unterseekabel und den vollstĂ€ndigen Ausbau bis zu den einzelnen HausanschlĂŒssen. Eine Vergabrechtskanzlei soll die Ausschreibungsunterlagen bis Mitte Dezember 2025 vorlegen; der Beschlussvorschlag wird erst in der Sitzung formuliert.
2026: Freigabe der finalen Vergabeunterlagen.
Wichtig fĂŒr die InselBreitbandausbau | Vergabe â Beschluss ĂŒber die finalen Vergabeunterlagen 01/122/2026SitzungsvorlageDie Gemeinde Spiekeroog plant den vollstĂ€ndigen Glasfaserausbau auf der Insel, inklusive Festlandsanbindung ĂŒber ein Unterseekabel und HausanschlĂŒsse. Die finalen Vergabeunterlagen fĂŒr das europaweite Ausschreibungsverfahren liegen nun vor. Der Rat soll beschlieĂen, das Vergabeverfahren auf dieser Grundlage einzuleiten, damit im Sommer 2026 ein Telekommunikationsanbieter ausgewĂ€hlt werden kann.