Bildung
Schule und Wohnen unter einem Dach: Wie Spiekeroog zwei Sorgen mit einem GebÀude löst
Ohne Wohnung kein Lehrer, ohne Lehrer keine Schule â und ab 2026 ein gesetzlicher Anspruch auf Ganztag. Spiekeroog beantwortet beides mit einem einzigen GebĂ€ude: unten die Mensa, oben Wohnungen. Die Geschichte eines 4-Millionen-Projekts in Etappen.
Redaktion Spiekeroog-Radar · 31. Mai 2026
Die Wohnung, die ĂŒber die Stelle entscheidet
Es klingt nach einem Detail, ist aber der Kern des Problems. Im FrĂŒhjahr 2024 will die Inselschule einen Englischlehrer einstellen. Die Zusage steht â unter einer Bedingung: Der Lehrer kommt nur, wenn er eine Wohnung auf der Insel bekommt. Die Gemeinde löst den Fall mit einer Notlösung: eine Gemeindewohnung, befristet bis Sommer 2025, zu rund 12,50 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter, der regulĂ€re Vergabeweg ausgesetzt.
Auf dem Festland wĂ€re das eine Personalangelegenheit. Auf Spiekeroog ist es eine Standortfrage. Wer hier unterrichten will, findet kaum eine freie Wohnung â und wenn, dann selten bezahlbar, weil jede Dauerwohnung auch eine Ferienwohnung sein könnte. Ein Jahr spĂ€ter bringt es die Verwaltung auf den Punkt: Offene Lehrerstellen seien ohne eigenen Wohnraum kaum zu besetzen. Alle Versuche, etwas anzumieten oder ĂŒber Land und Schulbehörde zu sichern, sind gescheitert. Weder Kultusministerium noch Landesschulbehörde fĂŒhlen sich zustĂ€ndig.
Wie sehr das Thema die Insel umtreibt, zeigte sich in den Ratssitzungen â einmal löste es, so BĂŒrgermeister Patrick Kösters, âberechtigt Kritik, UnverstĂ€ndnis und zum Teil auch VerĂ€rgerung" aus (Februar 2024). Den Grundkonflikt benannte er offen:
âIch habe grundsĂ€tzlich VerstĂ€ndnis dafĂŒr, dass es eher ungewöhnlich ist, LehrkrĂ€ften arbeitgeberabhĂ€ngigen Wohnraum zur VerfĂŒgung zu stellen. Hilft aber nichts: Die Wohnraumsituation der Insel ist leider so." (Februar 2024)
Zwei Probleme, ein GrundstĂŒck
Zur Wohnungsfrage kommt eine zweite, gröĂere: der Ganztag. Ab dem Schuljahr 2026/2027 haben Grundschulkinder schrittweise einen gesetzlichen Anspruch auf Ganztagsbetreuung â beginnend mit der ersten Klasse, und ausdrĂŒcklich auch in den Ferien. Was als Bundesgesetz gedacht ist, das Ganztagsförderungsgesetz, trifft eine kleine Inselschule mit besonderer Wucht: Es braucht RĂ€ume fĂŒr Mittagessen, Betreuung und RĂŒckzug, die es so noch nicht gibt. Eine Betreuungsgruppe umfasst bis zu 24 Kinder und braucht Personal, das â siehe oben â erst einmal auf der Insel wohnen muss.
Zwei Probleme also, die sich auf denselben Punkt zuspitzen: ein zu kleines SchulgebĂ€ude und zu wenig Wohnraum fĂŒr die Leute, die es betreiben sollen. Die Gemeinde beschlieĂt, beide auf einmal zu lösen.
Die Idee: unten Schule, oben Wohnen
Der Plan ist so einfach wie konsequent. Auf dem GelĂ€nde der Inselschule soll ein Erweiterungsbau entstehen, der zwei Funktionen stapelt: im Erdgeschoss Mensa und SchulrĂ€ume fĂŒr den Ganztag, rund 300 Quadratmeter; im Obergeschoss Wohnungen fĂŒr BeschĂ€ftigte der öffentlichen Hand, rund 220 Quadratmeter. Ein Haus, zwei Antworten.
Den Reiz dieser Lösung brachte Kösters auf eine Formel:
âWenn wir es clever anpacken, gelingt es uns, ĂŒber der Mensa Wohnraum fĂŒr öffentliche BeschĂ€ftigte, insbesondere Lehrerinnen und Lehrer, zu schaffen. Der Eiertanz in der Unterbringung wĂ€re dann endlich vorbei." (MĂ€rz 2024)
Billig ist das nicht. Die Entscheidungsvorlage von 2024 schĂ€tzt die Gesamtkosten auf rund 4,06 Millionen Euro brutto, davon entfallen rund 2,85 Millionen auf die Gemeinde. Finanziert werden soll dieser Anteil ĂŒber einen Kredit von 2 Millionen Euro und den Verkauf einer gemeindeeigenen Immobilie. Eine Bedingung zieht der Rat ausdrĂŒcklich ein: Die Gemeinde muss am Ende EigentĂŒmerin der Wohnungen sein â sonst keine Kreditaufnahme. Wer zahlt, soll auch steuern können, wer einzieht.
Vier Wohnungen oder zwölf?
Je konkreter die PlĂ€ne werden, desto mehr AbwĂ€gungen tauchen auf â und genau hier zeigt sich, wie Kommunalpolitik tatsĂ€chlich arbeitet: in Varianten. Anfang 2026 stehen fĂŒr das Wohngeschoss drei zur Wahl. Variante A: ein Wohngeschoss mit rund 240 Quadratmetern und vier Wohnungen â das, was der Haushalt bisher vorsieht. Variante B: zwei Wohngeschosse mit bis zu zwölf Wohnungen â deutlich mehr Wohnraum, aber auch deutlich teurer. Variante C: eine optimierte Dachform mit rund 325 Quadratmetern und fĂŒnf Wohnungen, bei ĂŒberschaubaren Mehrkosten. Die Verwaltung empfiehlt A, lĂ€sst C prĂŒfen und legt B vorerst nur zu den Akten.
Auch das Dach wird zur Beschlusssache. FĂŒnf Formen werden durchgerechnet, vom Flachdach bis zum Pultdach mit Maisonette â jede mit ihrem eigenen FlĂ€chengewinn. Am Ende empfiehlt die Verwaltung das Satteldach mit Gauben: nicht das gröĂte, aber das, was sich in das bestehende Schulensemble einfĂŒgt und der Baugestaltungssatzung entspricht. Auf einer Insel, die ihr Ortsbild ĂŒber Jahrzehnte verteidigt hat, ist selbst eine Dachneigung Politik.
Bis dahin: eine Ăbergangslösung
Ein Neubau braucht Jahre â die offene Stelle ist aber jetzt da. Also beschlieĂt die Gemeinde 2025 eine Zwischenlösung: Die östliche HĂ€lfte des GebĂ€udes Tranpad 1 wird befristet auf bis zu drei Jahre als Lehrerwohnraum bereitgestellt, bis die Wohnungen im Erweiterungsbau fertig sind. Eine halbe Hausnummer, wörtlich â aber eine, die verhindert, dass eine Stelle unbesetzt bleibt, nur weil ein Bett fehlt.
Ganz unumstritten war das nicht â und das gehört zur Geschichte dazu. In der Beratung fiel der Einwand, das wiederholte Einspringen der Gemeinde könne ein falsches Signal setzen: Die Wohnraumversorgung fĂŒr LehrkrĂ€fte sei schlieĂlich Aufgabe des Landes, und wenn die Gemeinde dauerhaft einspringe, sinke der Druck auf die zustĂ€ndigen Stellen. Der Rat stimmte am Ende dennoch einstimmig zu â eine realistische Alternative gab es nicht (Juni 2025).
Wo es jetzt steht
Mitte 2026 ist die Planung weit, aber noch nicht am Ziel. Dachform und Grundrisse fĂŒr Erd- und Obergeschoss sind mit den Fachplanern abgestimmt und weitgehend finalisiert; fĂŒr den Eingangsbereich liegen noch drei Varianten vor, zu denen der Rat ein Stimmungsbild abgibt. Die genaue Kostenberechnung folgt in der nĂ€chsten Planungsphase, und auch ĂŒber die Baustelle auf dem laufenden SchulgelĂ€nde wird gerade erst nachgedacht.
Dass der Bau drĂ€ngt, lĂ€sst der BĂŒrgermeister keinen Zweifel. Beim Wohnraum, sagte er im MĂ€rz 2026, bleibe ein zentrales Problem:
âWohnraum. Er ist nicht nur knapp, er ist fĂŒr die Schule faktisch nicht vorhanden." (MĂ€rz 2026)
Selbst mit einer weiteren bereitgestellten Lehrerwohnung fehlten weiterhin vier UnterkĂŒnfte; im April 2026 rief die Gemeinde die Inselgemeinschaft offen zur Mithilfe bei der Wohnungssuche auf.
Ein fester Spatenstich-Termin steht damit noch nicht im Beschlussbuch. Aber die Richtung ist klar: Spiekeroog beantwortet zwei seiner hartnĂ€ckigsten Fragen â wie halte ich meine Schule, wie halte ich meine Leute â mit einem einzigen GebĂ€ude. Und das ist, fĂŒr eine Gemeinde dieser GröĂe, schon eine kleine Geschichte fĂŒr sich.
Die wörtlichen Zitate stammen aus den öffentlichen Video-Zusammenfassungen, die BĂŒrgermeister Patrick Kösters nach den Ratssitzungen veröffentlicht; das Datum in Klammern nennt die jeweilige Sitzung.
Die Stationen
Jede Aussage in dieser Story steht auf einer konkreten Vorlage aus dem Ratsinformationssystem. Hier kannst du sie im Original nachlesen.
2024: Der Auslöser â ein neuer Englischlehrer kommt nur mit Wohnung.
Wichtig fĂŒr die InselLehrerwohnraum â Anfrage der Inselschule zur Wohnraumgestellung 01/041/2024SitzungsvorlageDie Inselschule benötigt fĂŒr die geplante Neueinstellung eines Englischlehrers zum Schuljahr 2024/25 eine Wohnung auf der Insel. Die Verwaltung schlĂ€gt vor, dem neuen Lehrer eine Gemeindewohnung befristet bis 31. Juli 2025 zu einer Kaltmiete von ca. 12,50 Euro pro Quadratmeter anzubieten und dabei den regulĂ€ren Vergabeweg auszusetzen. Langfristig soll Lehrerwohnraum im Neubau ĂŒber einer neuen Schulmensa entstehen.
2024: Die Grundsatzentscheidung â ein Neubau, unten Mensa, oben Wohnungen, rund 4,06 Mio. Euro.
Wichtig fĂŒr die InselNeubau Mensa fĂŒr Ganztagsschule & Wohnraum - Entscheidung 01/083/2024SitzungsvorlageDer Rat soll entscheiden, ob auf dem GelĂ€nde der Inselschule ein Neubau errichtet wird, der im Erdgeschoss eine Mensa und SchulrĂ€ume (ca. 300 mÂČ) und im Obergeschoss Wohnungen fĂŒr kommunale BeschĂ€ftigte (ca. 220 mÂČ) umfasst. Die Gesamtkosten werden grob auf rund 4,06 Millionen Euro brutto geschĂ€tzt; der Gemeindeanteil betrĂ€gt rund 2,85 Millionen Euro. Der Beschlussvorschlag sieht vor, dem Landkreis Wittmund die Baufreigabe zu erteilen â unter der Bedingung, dass die Gemeinde das Eigentum an den Wohnungen erhĂ€lt.
2025: Die Ăbergangslösung â Tranpad 1 wird befristet zum Lehrerwohnraum.
Wichtig fĂŒr die InselSachstand Lehrerwohnraum fĂŒr LehrkrĂ€fte der Inselschule Spiekeroog 01/046/2025SitzungsvorlageDie Gemeinde kann offene Lehrerstellen an der Inselschule ohne eigenen Wohnraum voraussichtlich nicht besetzen. Alle bisherigen Versuche, Wohnraum anzumieten oder ĂŒber Land und Landesbehörden zu sichern, sind gescheitert. Die Verwaltung schlĂ€gt vor, die östliche HĂ€lfte des GebĂ€udes Tranpad 1 befristet auf bis zu drei Jahre als Lehrerwohnraum bereitzustellen, bis der geplante Schulerweiterungsbau mit eigenen Wohnungen fertiggestellt ist.
2025: Der Ganztagsanspruch treibt die Erweiterung â Raumprogramm und Lage des Baukörpers.
Wichtig fĂŒr die InselGanztagsschule | Erweiterung der Inselschule & Wohnraumschaffung 01/103/2025SitzungsvorlageDie Verwaltung berichtet ĂŒber den aktuellen Planungsstand zur Erweiterung der Inselschule. Ziel ist die rĂ€umliche VergröĂerung, um den kĂŒnftigen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung zu erfĂŒllen, bestehende RaummĂ€ngel zu beheben und zusĂ€tzliche Wohnungen zu schaffen. Zwei Entscheidungsschritte stehen an: die Festlegung des Raum- und Funktionsprogramms sowie die Festlegung von Lage und Ausrichtung des Baukörpers. Der Beschlussvorschlag wird erst in der Sitzung formuliert.
2026: Was der Rechtsanspruch ab 2026/27 konkret bedeutet â auch in den Ferien.
Wichtig fĂŒr die InselGanztagsschule | Sachstand Ferienbetreuung im Rahmen des Ganztagsförderungsgesetzes (GaFöG) 01/143/2026SitzungsvorlageAb dem Schuljahr 2026/2027 haben Grundschulkinder schrittweise einen gesetzlichen Anspruch auf Ganztagsbetreuung, auch in den Ferien. Die Verwaltung informiert den Schulausschuss ĂŒber den aktuellen Stand der Umsetzung auf Spiekeroog, wo wegen der Insellage besondere Bedingungen gelten. Die VHS Friesland-Wittmund soll ein spezifisches Angebot entwickeln, möglichst mit lokalem Personal. Der Ausschuss soll die Umsetzung grundsĂ€tzlich unterstĂŒtzen und den SchlieĂzeiten (drei Winterferienwochen plus eine Sommerferienwoche) zustimmen.
2026: Vier Wohnungen, zwölf oder fĂŒnf? Die Richtungsentscheidung zum Wohngeschoss.
Wichtig fĂŒr die InselRichtungsentscheidung zur Wohnraumkomponente im Projekt âGanztagsschule | Erweiterung Inselschule & Wohnraumschaffungâ 01/117/2026SitzungsvorlageIm Zuge des Projekts zur Erweiterung der Inselschule als Ganztagsschule soll im selben GebĂ€ude auch Wohnraum fĂŒr BeschĂ€ftigte der öffentlichen Hand entstehen. Drei Varianten stehen zur Wahl: ein Wohngeschoss mit rund 240 mÂČ und vier Wohneinheiten, ein zweites Wohngeschoss mit insgesamt bis zu 12 Wohneinheiten oder eine optimierte Dachform mit rund 325 mÂČ und fĂŒnf Einheiten. Die Verwaltung empfiehlt Variante A (ein Wohngeschoss), ergĂ€nzend zu prĂŒfen durch Variante C (optimierte Dachform), wĂ€hrend Variante B vorerst nur dokumentiert werden soll.
2026: Selbst das Dach ist Beschlusssache â Satteldach mit Gauben nach der Baugestaltungssatzung.
Wichtig fĂŒr die InselFestlegung der Dachform im Projekt âGanztagsschule | Erweiterung Inselschule & Wohnraumschaffungâ 01/123/2026SitzungsvorlageDer Rat soll die Dachform fĂŒr den geplanten Erweiterungsbau der Inselschule festlegen, der neben SchulrĂ€umen auch Wohnungen fĂŒr BeschĂ€ftigte der öffentlichen Hand enthalten soll. FĂŒnf Varianten wurden planerisch untersucht; im Vordergrund stehen Flachdach, Satteldach mit Gauben und Pultdach. Die Verwaltung empfiehlt das Satteldach mit Gauben, weil es sich in das bestehende Schulensemble einfĂŒgt und der Baugestaltungssatzung entspricht. Der Beschlussvorschlag lautet: Satteldach mit Gauben (Variante V4) als verbindliche Planungsgrundlage, Kostenberechnung in Leistungsphase 3.
2026: Der aktuelle Planungsstand â Grundrisse finalisiert, Eingangsvarianten offen.
Wichtig fĂŒr die InselProjekt âGanztagsschule | Erweiterung Inselschule & Wohnraumschaffungâ | Schulterblick 01/136/2026SitzungsvorlageDie Verwaltung stellt dem Rat den aktuellen Planungsstand fĂŒr den Erweiterungsbau der Inselschule vor. Finalisiert wurden Dachform, Erdgeschoss-Grundriss (Schule und Ganztagsbetrieb) sowie die Wohnungsgrundrisse im Obergeschoss. FĂŒr den Eingangsbereich liegen drei Varianten vor, zu denen der Rat ein Stimmungsbild abgeben soll. Der Beschlussvorschlag sieht Kenntnisnahme und Erörterung vor, kein abschlieĂendes Beschlussfassen.